Jonglage mit unendlich vielen Bällen

Veröffentlicht am 17.04.2013 in Ortsverein

Kultusminister Andreas Stoch spricht in Mögglingen über Bildungspolitik in Zeiten ständig sinkender Schülerzahlen

Wenn ein Landesminister kommt, noch dazu der für die Bildungspolitik zuständige, dann zieht das. Selten war’s im „Alten Schulhaus“ in Mögglingen so voll wie am Samstag, als Kultusminister Andreas Stoch (SPD) vorbei schaute. Es war zwar eine Veranstaltung des Ortsvereins zum 150er-Jubiläum der alten Tante SPD. Gekommen waren auch sehr viele aus lehrenden Berufen. Die sprachen Tacheles. Stoch blieb souverän.

Jürgen Steck

© Gmünder Tagespost 14.04.2013

Mögglingen. Über Bildung diskutieren, dazu solle die Veranstaltung dienen, sagt eingangs der Mögglinger SPD-Vorsitzende Jakob Unrath. Er wies auf die 150-jährige Geschichte der Partei hin, 150 Jahre, in denen sich SPD-Mitglieder für eine soziale und demokratische Gesellschaft einsetzten. Wozu Bildung ganz wichtig sei. Denn Teilhabe an der Gesellschaft könne nur durch „gute Bildung“ gelingen. Weswegen es Ziel sozialdemokratischer Politik sei, alle teilhaben zu lassen an guter Bildung.
Zu guter Schulpolitik gehöre zunächst einmal, nichts schön zu reden, Probleme beim Namen zu nennen. Dies habe er sich vorgenommen, erklärt Andreas Stoch, seit knapp einem Vierteljahr Kultusminister – ins Rennen geschickt als Nachfolger der ungeschickten Gabriele Warminski-Leitheußer, bevor sich Lehrer komplett von der SPD abwenden. Die Pisa-Studie, so doziert Stoch, attestiere einem guten Teil der Schüler gute Ergebnisse – aber eben auch eine starke Selektion. Kaum in einem anderen Land sei die soziale Herkunft so entscheidend vom Bildungsserfolg wie in Baden-Württemberg. Dies grenze viele aus und erhöhe zudem den Druck auf Schüler wie Eltern, einen möglichst hohen Schulabschluss zu erreichen. Die Grundschulempfehlung bedeute nicht, dass Eltern mit der Entscheidung allein gelassen würden. „Wir wollen die Eltern beraten“, beteuert Stoch. Viele befolgten diesen Rat, manche allerdings nicht. Das sei aber früher, zu CDU-Zeiten auch schon so gewesen. Genauso wie der Trend weg von der Hauptschule, die die Vorgängerregierung über die Einführung von Werkrealschulen habe retten wollen. Wodurch auf kaltem Wege Schulen geschlossen worden seien nach dem Zufallsprinzip. Die jetzige Regierung stelle sich dem Problem der Flucht vor der Hauptschule einerseits und sinkender Schülerzahlen andererseits. Denn in den nächsten zwölf Jahre gebe es einen Rückgang der Schülerzahl um 20 Prozent. Um auch in ländlichen Räumen ein gutes Netz weiterführender Schulen anbieten zu können, müsse man den Prozess steuern, um zu verhindern, dass auf dem Land eine Schule nach der anderen schließt, weil es dort keine Schüler mehr gibt. Es bringe nichts, dass jeder Ort eine Gemeinschaftsschule beantrage, um den Schulstandort zu sichern. Zusammenarbeit sei gefordert. Und ein neues Denken in den Schulen. Stabil sei nur eine mindest zweizügige Schule. Regionale Schulentwicklung sei notwendig.

Ständig neue Säue
Der Mögglinger Bürgermeister Ottmar Schweizer hatte eingangs berichtet, dass Mögglingen ein solcher Ort sei, in dem eine Schule geschlossen wird: Die Außenstelle der gemeinsam mit Böbingen betriebenen Werkrealschule ruht ab dem nächsten Schuljahr. Es hatten sich zum Schluss kaum noch Kinder dafür angemeldet. Die Konsequenz: Schulräume stehen leer. „Hier wird Geld verbrannt“, so der Bürgermeister. Er schlägt ein längeres gemeinsames Lernen vor – in einer sechsjährigen Grundschule.
Ähnlich argumentieren Lehrer anschließend. Ständig werde eine „neue Sau durchs Dorf getrieben“, sagt einer. Herbert Hieber, Schulleiter einer Realschule in Ellwangen, spricht sich zwar für die Gemeinschaftsschule aus. Jedoch müssten die Lehrer auf dem Weg dorthin mitgenommen werden. Gegen die Lehrer gelinge es nicht. Wolfgang Riegraf, pensionierter Gymnasiallehrer aus Hüttlingen, warnt vor Gleichmacherei, denn unterschiedliche Begabungen erforderten unterschiedliche Förderungen.
Roland Ritter, Schulleiter in Mögglingen, spricht an, dass es auch durchaus einzügige Gemeinschaftsschulen gebe und kritisierte ganz allgemein, dass Schulen zu kurzfristig über Veränderungen informiert würden.
Jens-Peter Schuller von der Agnes-von-Hohenstaufenschule in Gmünd ärgert sich darüber, dass private Schulen mit schlecht ausgebildetem Personal Reibach machten, während er nicht die Schüler aufnehmen könne, die er aufnehmen möchte. Der Kultusminister solle für Waffengleichheit sorgen. Stoch antwortet insgesamt nicht ungeschickt, räumte etwa ein, dass es, bei der ersten Tranche der Vergabe von Gemeinschaftsschulen, politisch motivierte Ausnahmen gebe, erklärte aber auch, dass er erst wenige Monate im Amt ist und Bildungspolitik eine Jonglage mit unendlich vielen Bällen sei. Auch denke er nicht, dass die Gemeinschaftsschulen die Gymnasien gefährden. Dort habe man eher Sorge, dass ein „gewisser Status“ verloren geht. Weiterbildung von Lehrern sei für alle Schularten wichtig, auch für Gymnasiallehrer. Letzendlich sei ihm „egal, welches Schild an einer Schule hängt“. Ziel müsse immer der bestmögliche Lernerfolg sein.
Und auch die spitze Frage, wieso er seine Kinder auf eine Privatschule schicke, kontert Stoch souverän: Die seien von klein auf in Waldorfeinrichtungen gewesen, und er halte es für unverantwortlich, sie jetzt, nur weil es politisch opportun ist, aus dem Freundeskreis heraus zu reißen. Vorbehalte in der Lehrerschaft, etwa gegen mögliche Mehrbelastung durch „das hervorragende Konzept der Ganztagesschule“, versteht er. Er rät aber, das Thema „einmal aus Elternsicht“ zu betrachten.
Stoch kommt an in Mögglingen. Auch bei den vielen Lehrern, und auch, wenn er nicht alle überzeugen kann von der neuen Bildungspolitik. Und sowieso bei den Genossen, von denen einer erklärt, Stoch wäre besser als Finanzminister. Warum? „Der wäre ein Gegengewicht zum Kretschmann, anders als der Nils Schmid“, so der Ostalbgenosse.
Klaus Maier, der Gmünder SPD-Landtagsabgeordnete, erklärte in seinem Grußwort, was eine große Leistung der neuen Landesregierung für gerechtere Bildungschancen sei: die Abschaffung der Studiengebühren. Er wies auf eine weitere Veranstaltung der SPD zur Bildungspolitik am 24. April in Leinzell hin.
© Gmünder Tagespost 14.04.2013

 

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